Chronik

Mehr als hundert Jahre organisierte Sammler

Eine Anzeige in der „Bergedorfer Zeitung stand 1911 Pate, als sich der „Briefmarkensammler-Verein für Bergedorf und Umgegend gründete. In Baumanns Gesellschaftshaus, Neue Straße (heute Neuer Weg, das Lokal wurde abgerissen, befand sich etwa in Höhe Bergedorfer Straße) hatte sich eine kleine Gruppe von Sammlern aus der Umgebung häufig zum Tausch getroffen.

Mit der Anzeige wollten sie weitere Briefmarkenfreunde zu Tausch und Fachsimpelei finden und mit ihnen möglicherweise einen  Verein gründen. Schließlich galt und gilt Bergedorf immer noch unter Sammlern wegen der 50 Jahre zuvor (1. November 1861) erschienenen Postwertzeichen als „Altdeutscher Briefmarken-Staat“.

Am 3. Mai 1911 beschlossen schließlich 14 wackere Männer, den Verein zu gründen: Heinrich Ahme (Wentorf), Adolf Brüggemann (Bergedorf), Carl Dobert (Reinbek), S. H. von Groningen (Wentorf), Alfred Hausemann (Wentorf), Fritz Holert (Geesthacht), Eduard Lunecke (Bergedorf), W. L. M. Müllenhoff (Bergedorf), Olaf Nielsen (Bergedorf), Friedrich Sahr (Reinbek), Paul Störmer (Bergedorf), Karl Tamm (Bergedorf), Werner Vreden (Bergedorf) und Otto Zander (Bergedorf). Zum Vorsitzenden des jungen Vereins wurde Alfred Hausemann, ein stimmgewaltiger gebürtiger Rheinländer, gewählt. Er kniete sich in die Aufgabe, hielt Vorträge über das richtige Sammeln wie Ordnen und Einkleben in die Alben. Diese Dinge sind heute allen Sammlern geläufig, damals waren sie noch Neuland für die meisten. Auch über Fälschungen und andere Einzelgebiete der Philatelie wusste Hausemann  an den Versammlungs-Abenden interessante Dinge zu berichten.

Kein Wunder, dass die Vereinsabende oft bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Die Erfolge stellten sich ein. So erhielt Fritz Holert bereits im Gründungsjahr eine Bronze-Medaille für seine Sammlung bei einer Ausstellung in Wien. Auch eine Fälschungssammlung wurde angelegt. Ein Rundsendedienst half, Lücken in den Sammlungen zu schließen.

Bis zum Ersten Weltkrieg wuchs der Verein auf etwa 40 bis 45 Mitglieder. Sogar aus dem Ausland schlossen sich Sammler dem jungen Verein an. Durch den Krieg, in dem vier Mitglieder fielen, kam das Vereinsleben fast zum Erliegen.

In den Hungerjahren danach wurden Briefmarken „lebensnotwendig“ für Lebensmittelpakete aus dem Ausland. Auch die vereinseigene Sammlung von Bergedorfer Briefmarken wurde verkauft. Am 22. Februar 1922 richteten die Mitglieder in Hitschers Gesellschaftshaus (neben Baumanns Gesellschaftshaus) die erste Ausstellung aus. Durch Feuchtigkeit gab es Schäden an vielen ungebrauchten Marken. Der Ärger war da.

Während der Inflation 1923 wurden die Beiträge wegen der ständig steigenden Kosten von Versammlung zu Versammlung festgelegt. Als der Kassierer am Ende dieser Epoche Bilanz zog, betrug das Vereinsvermögen eine achtstellige Summe. Ihr Wert nach der neuen Währung, der Rentenmark, betrug jedoch nur knapp einen Pfennig.

1924 übernahm Ernst Maack, der bereits Vorsitzender im Bergedorfer Bürgerverein war, auch die Leitung des Briefmarkensammler-Vereins. Die Mitgliederzahl schrumpfte, weil (ähnlich wie später auch nach dem Zweiten Weltkrieg) die Spekulanten ausstiegen. Doch in kleinem Kreis lebte das Vereinsleben auf.

Ernst Maack berichtete häufig von seinen Forschungsarbeiten zur Hamburger und Bergedorfer Postgeschichte (ähnlich wie es unser 2010 gestorbener Ehrenvorsitzender Karl Ohle häufig tat). Seine Lehrsammlung, aus der er häufig Teile zeigte, erhielt bei Ausstellungen manchen Preis.

Im Jahr 1931 richtete der Verein die Landesverbands-Ausstellung aus, noch ohne Sonderstempel. Die gab es 1936 und 1938 bei zwei Werbeschauen im Gasthof „Stadt Hamburg“.  Wegen des Andrangs musste die Polizei zur Verkehrsregelung bei den Fußgängern anrücken.

Im Zweiten Weltkrieg, in dem acht Mitglieder fielen, stieg die Mitgliederzahl wegen der Spekulanten ab 1941 um das Sechsfache an.

Trotz des Versammlungs-Verbots durch die britische Besatzungsmacht trafen sich die Mitglieder in der Zeit nach dem Krieg „zufällig“ im Ratskeller. Langsam ging es nach dem Versammlungs-Verbot wieder aufwärts: Besuche bei befreundeten Vereinen, bunte Abende neben den Versammlungen.

Der Verein schloss sich dem Dachverband an, dem heutigen Bund Deutscher Philatelisten (BDPh). Karl Knauer und Walter Paulsmeier bauten im Vereinslokal „Lauenburger Hof“ eine viele Werke umfassende Vereins-Bibliothek auf. Als dort der Saal zu Hotelzimmern umgebaut wurde,  bildete sie mit den Büchereien anderer Hamburger Vereine den Grundstock der „Philatelistischen Bibliothek Hamburg“ in der Poststraße. Heute finden Interessenten sie in der Basedowstraße 12 im Stadtteil Hammerbrok, aus Richtung Bergedorf vom S.Bahnhof Rothenburgsort in etwa zehn Minuten Fußweg zu erreichen. Im Internet gibt es Informationen unter www.philatelistische-bibliothek.de. Mitglieder des BSV Bergedorf zahlen die halbe Lesergebühr.    Das Jubiläum „100 Jahre Bergedorfer Briefmarken“ (und 50. Vereinsgeburtstag) wurde 1961 mit einer großen Ausstellung in der Schule Gräpelweg (heute steht dort das „Haus im Park“) gefeiert. Karl Knauer schuf zu dem Ereignis mit Hilfe des Vereins sein Standardwerk zur Bergedorfer Postgeschichte, stiftete seine Arbeit als große Festschrift dem Verein. Da während der Ausstellung auch die Marken Balthasar Neumann und Immanuel Kant der Dauerserie „Bedeutende Deutsche“ erschienen, gab es neben dem Ausstellungs-Stempel auch für diese Marken Ersttags-Stempel, die für viele Besucher in den Pavillons der Schule sorgten. Die Sammler drängten sich zum Tausch teilweise in den Gängen, die Plätze reichten in den Tausch-Räumen nicht aus. Einer der Schuljungs, die dort zum ersten Mal während eines Großereignisses ihre Marken tauschten, war Ulrich Felzmann, der 1964  in unseren Verein und seine Jugendgruppe eintrat. Heute gehört er in Düsseldorf zu den Großen der Briefmarken-Auktionatoren. In den Anfangsjahren führte er eine Bergedorf-Marke im Firmen-Logo.

Zehn Jahre nach dieser Ausstellung gab es wieder eine Jubiläums-Ausstellung zum 60. Vereinsgeburtstag, diesmal im Lichtwarkhaus, nachdem dort 1964 bereits eine Werbeschau mit Sonderstempel ausgerichtet wurde. Als 1967 die Eisenbahnlinie Hamburg-Bergedorf ihr 125-jähriges Bestehen feierte, organisierte der Verein eine Briefmarken-Ausstellung im Lichtwarkhaus.

Das Lichtwarkhaus fand als guter Ausstellungsort bundesweite Beachtung. So lud die Deutsche Philatelisten-Jugend im April 1979 zur „Deutsch-Rumänischen Jugend-Briefmarken-Ausstellung“ ein. Die „Beposta“, ebenfalls im Lichtwarkhaus, Anno 1986 galt dem 125. Geburtstag der Bergedorf-Briefmarken und dem 75-jährigen Bestehen des Vereins. In diese Zeit fällt ein Rekord, der gut 30-jährige Vorsitz von Professor Gustav-Adolf Albers. Er wurde nach seiner Amtszeit zum Ehrenvorsitzenden ernannt.   

Das modernisierte Lichtwarkhaus sah im Jahr 2011 den BDPh-Salon (eine besondere Form der Ausstellung) zum 150. Jahrestag der Ausgabe der Bergedorf-Briefmarken und dem 100-jährigen Bestehen des Vereins. Neben Sammlungen zur Bergedorf-Philatelie gab es interessante Stücke aus dem Fundus des Museums für Bergedorf und die Vierlande im Schloss (Museumslandschaft Bergedorf) zu sehen. Auch besondere Bergedorf-Marken waren ausgestellt: Den Block 100 Jahre Vogelwarte Helgoland (später von Sammlern zur weltweit schönsten Marke gewählt) hat der in Bergedorf wohnende Grafik-Designer Marc Fienbork mit seiner Partnerin Nicole Elsenbach bach (Hückeswagen) entworfen. Aus der Werkstatt der beiden entstanden auch später Marken der Deutschen Post, die bei den Postkunden großen Anklang fanden. Marc Fienbork entwarf auch das Plakat zur Ausstellung sowie zur Festschrift und den Zudruck für die Festumschläge. Ein Werbeeinsatz der Stempelmaschine im Briefzentrum 21 wies einen Monat lang auf die Ausstellung hin. Zur Ausstellung führte eine Sonder-Postfiliale zwei Sonderstempel: einen viereckigen mit einer Bergedorf-Briefmarke und einen sechseckigen mit dem Bergedorfer Schloss.

2013 organisierte der Verein einen gut besuchten „Vierländer-Postkartentreff“ in der Altengammer Gaststätte Schween, bei dem auch Dr. Jürgen Hoffmann mehrere Rahmen aus seiner Sammlung zeigte. Seit dem Jahr 2014 beteiligt sich der Verein gemeinsam mit den „Jungen Briefmarkenfreunden Bergedorf“ mit einem Informationsstand (mit einer Briefmarken-Sammlung rund um die Erdbeere) am Erdbeerfest im Freilicht-Museum Rieck Haus der Bergedorfer Museumslandschaft am Curslacker Deich. 2018 organisierte der Verein zum 20. Jubiläum des Erdbeerfests eine Sonder-Postfiliale. Der Sonderstempel zeigte – welche Überraschung – eine Erdbeere.

Im Jahr 2014 nahm der Verein gemeinsam mit der Jugendgruppe teil am „Südfest“ rund ums Lichtwarkhaus. Dort traf sich damals auch die Jugendgruppe. Sie kommt jetzt im Haus der Jugend, Stuhlrohrstraße 10, am ersten und dritten Freitag im Monat ab 17 Uhr. Das Lichtwarkhaus soll durch ein neu zu errichtendes Körber-Haus ersetzt werden.  

Heute gehören knapp 40 Sammler und Sammlerinnen zum Verein. Als das langjährige Vereinslokal „Zum Gewerkschaftshaus“ an der Vierlandenstraße zum Oktober 2014 unerwartet und kurzfristig geschlossen wurde, fand der Verein im Bürgerhaus von Hamburgs jüngstem Stadtteil Neuallermöhe am Rahel-Varnhagen-Weg 1 beim S-Bahnhof Nettelnburg eine neue Bleibe. Dort gibt es an jedem zweiten Sonntag im Monat zwischen 10 und 12 Uhr einen Tauschtag, dazu im Februar und Oktober einen Großtauschtag. Am ersten Mittwoch im Monat (Ausnahme Juli, August und Dezember) kommen die Mitglieder in Lohbrügge zu Versammlungen (19.30 Uhr) im Wilhelm-Leuschnerheim, Leuschnerstraße 93 a (Altbau) zusammen